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  • Die zweite topologische Wende
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Die erste topologische Wende hat sich in der Mathematik vollzogen und die euklidische Geometrie durch eine topologische erweitert. Diese topologische Wende hatte aber nicht nur Auswirkungen in der Mathematik sondern auch auf andere Disziplinen und Fachbereiche: Der Psychologe Kurt Lewin z.B. greift die Topologie auf und versucht ein topologisches Modell in der Psychologie zu entwerfen und entwickelt seine psychologische Feldtheorie

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Lewin, Kurt: Grundzüge der topologischen Psychologie, a.d. Amerik. von Raymund Falk und Friedrich Winnefeld, Bern: Huber 1969, S.9

. Auch der russische Biologe Alexander Gurwitsch entwickelt eine Feldtheorie des biologischen Lebens mit Bezug zur mathematischen Topologie

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Gurwitsch, Alexander: Die mitogenetische Strahlung. Berlin 1932.

.

Dennoch bleibt diese erste topologische Wende Anfang des 20. Jahrhunderts ohne weitreichende Folgen. Dies mag unter anderem daran gelegen haben, dass damals keine fruchtbaren transdisziplinären Bemühungen von Seiten der Philosophie ausgingen, diese verschiedenen einzeldisziplinären Feldtheorien zu reflektieren und zu integrieren. Auch die Umstände der beiden Weltkriege sorgten dafür, dass die Erforschung der Feldtheorien nicht die erforderliche Kontinuität erfuhr. So kam es dazu, dass Mitte des 20. Jahrhunderts die begonnenen topologische Ansätze nicht weitergeführt wurden, und die topologische Wende bliebt vorallem auf die Mathematik beschränkt.

Erst mit dem Aufkommen der Selbstorganisationstheorien in den 80er Jahren wurde der inderdisziplinäre Dialog wieder lebendig und der Versuch unternommen, ein gemeinsames neues Paradigma einzuführen. Die Selbstorganisations- und Systemtheorien waren darin sogar recht erfolgreich und schafften es, fast alles Disziplinen mit einzubeziehen. Die vorherrschenden soziologischen Selbstorganisations- und Systemtheorien hatten jedoch eine Schwäche, die es ihr nicht erlaubten, den topologischen Ansatz konsequent weiterzuführen: sie waren in ihrem erkenntnistheoretischen Standpunkt von dem Radikalen Konstruktivismus stark beeinflusst und daher nicht in der Lage, erfahrungsbasierte Raum- und Feldphänome angemessen zu thematisieren. Hinzu kam, dass in der damals dominanten (Luhmannschen) Systemtheorie der Raum zugunsten der Zeit ganz ausgeblendet wurde

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Vgl.: Stichweh, Rudolf (1988): Raum, Region und Stadt in der Systemtheorie. Arbeitspapier Nr. 30, ZWE "Arbeit und Region", Universität Bremen.

. Die Selbstorganisations- und Systemtheorien des ausgehenden 20. Jahrhunderts entsprachen also dem damaligen Zeitgeist, klammerten jedoch Raum- und Feldphänome nahezu komplett aus und konnten daher den topologischen Ansatz nicht wirklich weiterbringen.

Erst der "spatial turn" und insbesondere der "topological turn" der zu Beginn des 21. Jahrhunderts in den Kultur- und Sozialwissenschaften an Fahrt gewinnt, macht erneut auf räumliche Kategorien und Phänomene aufmerksam, und stellt den Bezug zur topologische Wende her, wie sie sich bislang umfassend nur in der Mathematik vollzogen hat. Auch der Bezug zu den früheren toplogischen Ansätzen von Lewin und Gurwitsch wird durch diesen zweiten "topological turn" erneut hergestellt.

Parallel mit diesem zweiten "topological turn" wird in der westlichen Wissenschaftsgesellschaft auch der Einfluss der japanischen Philosophie stärker

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Ausgelöst durch die verschiedenen fachphilosophischen Veröffentlichungen: Mafli, Paul (1996): Nishida Kitarôs Denkweg. München; Nishida, Kitarô (1999): Logik des Ortes [Übersetzt und herausgegeben von Rolf Elberfeld]. Darmstadt; Latka, Thomas (2003): Topisches Sozialsystem. Heidelberg.

, in welcher der "topological turn" schon eine wesentlich längere Tradition hat. Denn im Unterschied zum Westen ist in Japan mit dem Philosophen Kitaro Nishida diese topologische Wende in der Philosophie schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeleitet worden, die sich bis heute auch in verschiedene andere Disziplinen wie Psychologie oder Soziologie fortgesetzt hat.

Alles deutet darauf hin, dass sich die im Westen zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelnde erste topologische Wende nur in Japan hat bis heute ungehindert fortsetzen können und daher jetzt wieder als zweite topologische Wende in den Westen zurück importiert werden muss, damit hier der Anschluss an die aktuelle topologische Diskussion in Japan geschafft wird.

Der "topological turn" im 21. Jahrhundert kann also hoffentlich folgende Erwartungen erfüllen:

  • Anschluss an die topologische Wende die im 18. Jahrhundert mit Leibniz und Listing in der Mathematik eingeleutet wurde, und zu Beginn des 21. Jahrhunderts z.B. durch Lewin und Gurwitsch auch auf andere Disziplinen angewendet wurde, aber dann ins Stocken geriet.
  • Weiterführung des transdisziplinären Anspruchs der Systemtheorie mit revidierter Systemarchitektur, in welcher räumliche Kategorien wieder eine Rolle spielen
  • Anschluss an die topologische Diskussion in anderen Wissenschaftskreisen, wie dem japanischen, wo der "topological turn" schon eine längere und breitere Tradition hat

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