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  • Topologie (Hg. Günzel)
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Stephan Günzel (Hg.): Topologie. Zur Raumbeschreibung in den Kultur- und Medienwissenschaften.

Dieser Sammelband versammelt Beiträge verschiedener Disziplinen, die eine ausdrücklich relationale oder ortsspezifische Beschreibung von Räumlichkeit vornehmen.
Hierzu wird die aktuelle Raumdebatte in den Kultur- und Medienwissenschaften rekonstruiert und die Entstehung der Topologie im Kontext der Mathematik nachgezeichnet. Einzelanalysen widmen sich verschiedenen Anwendungsgebieten wie Architektur, Film- und Literaturwissenschaft, Kunst, Psychologie oder Soziologie und gehen auf die Schlüsselfunktion phänomenologischer und strukturalistischer Ansätze ein.

Die Beiträge des ersten Teils (»Vom Raum zur Topologie«) legen dabei jeweils eine Kritik an bestehenden Raumkonzepten und Methoden der Raumbeschreibung vor oder treten bereits explizit für einen topologischen Zugang ein: In einem ersten Schritt betont der Historiker Karl Schlögel die Relevanz der historischen Ortsanalyse und führt diese anhand der Stadtbeschreibung von St. Petersburg vor. Vergleichend dazu tritt die Kulturgeographin Julia Lossau für eine Raumbeschreibung ein, welche die Produktion von Räumlichkeit erfasst und zugleich kritisch gegenüber essentialistischen Beschreibungen ist. In einem zweiten Schritt geht der Philosoph Bernhard Waldenfels auf die Voraussetzungen für eine Analyse der Lebenswelt in räumlicher Hinsicht ein und stellt im Zuge dessen die phänomenologische Beschreibung von Heterotopien vor. Die Medienwissenschaftlerin Ute Holl wiederum kontextualisiert die phänomenologische Raumbeschreibung anhand einer Betrachtung der technischen Bedingung des wahrnehmungstheoretischen Zugangs unter besonderer Berücksichtigung des Kinos. Im dritten Schritt legt Georg Christoph Tholen die Notwendigkeit einer Transformation der Konzeption räumlicher Anschauung nach Kant unter medialen Bedingungen dar. Eine entsprechende Umsetzung stellt schließlich Kathrin Busch im Ausgang von Heidegger und mit Blick auf die Beschreibung von Kunstwerken als Erzeugung von Räumlichkeit vor.
Der zweite Teil (»Anfänge der Topologie«) stellt die Entstehung der mathematischen Topologie vor: Zunächst geht die Kunsthistorikerin Karin Leonhard auf die neuzeitliche, insbesondere barocke Beschäftigung mit Fragen der Drehrichtung und Symmetrie ein, wofür Darstellungen von Schneckengehäusen einschlägig sind. Peter Bornschlegell thematisiert sodann die Voraussetzungen von Topologie mit Blick auf Gauß und die nichteuklidische Geometrie. Wladimir Velminski wiederum stellt Eulers Lösung des ›Königsberger Brückenproblems‹ im Detail vor und geht dabei auf die Gemeinsamkeiten mathematischen und poetischen Denkens ein. Abschließend vergleicht die Wissenschaftshistorikerin Marie-Luise Heuser die ›Analysis der Lage‹ nach Leibniz mit dem Topologiebegriff von Listing und zeigt, welchen Einfluss dynamistische Naturphilosophien auf die moderne Konzeption von Topologie hatten.
Im dritten Teil des Bandes (»Anwendungsgebiete von Topologie«) werden einzelne Bereiche vorgestellt, in welchen sich ein topologischer Beschreibungsansatz außerhalb der Mathematik etabliert hat. Der erste Beitrag enthält ein Zehnpunkteprogramm, mit dem Joachim Huber die in Architektur und Stadtplanung bereits vollzogene Wende zur Topologie rekapituliert
und dazu aufruft, diese auf weitere Bereiche der Gestaltung anzuwenden. Der Kultur- und Medienwissenschaftler Peter Bexte stellt ausgehend von Serres und Fragestellungen der Kybernetik das strukturalistische Topologiekonzept vor, welches auf einer Logik der Zwischenräumlichkeit beruht. Daran anschließend zeigt die Psychoanalytikerin Mai Wegener, wie topologische Modelle bei Lacan nicht nur die Funktion einer Oberflächenbeschreibung unbewusster Strukturen innehaben, sondern auch eine Rolle in der therapeutischen Praxis spielen. Auf das Werk von
Lewin stützt sich die darauf folgende Darstellung des topologischen Ansatzes in der Psychologie durch Helmut Lück, der darüber die Zugehörigkeit der Feldtheorie zum Funktionsdenken und ihre heutigen Anwendungsmöglichkeiten vorstellt. Die topologische Konzeption in den Sozialwissenschaften stellt Roland Lippuner entlang der Soziologie Bourdieus sowie dem Handlungskonzept bei de Certeau dar und thematisiert beide im Hinblick auf eine Beschreibung alltäglicher Raumpraktiken. Die Romanistin Vittoria Borsò entwickelt in ihrem Beitrag ausgehend von einer Analyse der Erzählungen Borges' den topologischen Ansatz der Literaturwissenschaften und entfaltet in sieben Thesen ein zugehöriges Aufgabenspektrum. Der Kunst- und Medientheoretiker Marc Ries stellt sodann den topologischen Ansatz der Medienästhetik anhand einer Analyse des Kinos und in Abgrenzung von topographischen Beschreibungen vor. Mit Blick auf Blanchot und Benjamin tritt zuletzt Knut Ebeling für eine ästhetische Theorie ein, die ortsspezifisch argumentiert und sich konkreten Konfigurationen
widmet.

Zitate

"Räume und Geschichte" von Karl Schlögel (33-52)

Wenn klar geworden ist, dass Geschichte einen Ort hat, dann sollte auch ein Gedanke auf die andere Seite verwendet werden: dass auch Örter und Räume eine Geschichte haben. (Schlögel, 43)

Es dürfte klar geworden sein, dass es nach einer Phase eines luftig-allzu-luftigen Konstruktivismus nicht darum gehen kann, sich wieder einer schwerfälligen (geographischen) Determinismus einzuhandeln, den man sich in langer und kraftraubender Auseinandersetzung vom Halse geschafft hat. Wohl aber geht es darum, zu einem Realismus zurückzufinden ... (Schlögel, 51)

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