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Latka, Thomas (2003): Topisches Sozialsystem. München.

Seite: 265-268

3.2.1. Raum und Zeit

Im Folgenden soll gezeigt werden, dass die grundlegende Unterscheidung zwischen retiven und operativen Systemmodellen sowie die zum Teil sehr harsche Kritik an der jeweils anderen Position auf der jeweils bevorzugten philosophischen Kategorie basiert: Raum oder Zeit. Wie sehr die Systemtheorie mit der Philosophie von Raum und Zeit verknüpft ist, soll daher abschließend erörtert werden, vor allem auch, um den Versuch zu unternehmen, die verwendeten Systemunterscheidungen (operativ, retiv, topisch) tiefer zu fundieren und in einen weiteren philosophischen Horizont einzuordnen.

Die Trennung von Raum und Zeit, ebenso wie die von Geographie und Geschichte, Natur und Kultur war geradezu kennzeichnend für das Denken der neuzeitlichen Philosophie.

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Vgl: Noller 2000, 33.

Spätestens mit Descartes begann die mehr oder weniger bewusst vollzogene Trennung von Raum (res extensa) und dem denkenden, zeitlichen Ich (res cogitans). Bei Kant findet die Trennung von Raum und Zeit gerade seinen Höhepunkt, wenn er in seiner „transzendentalen Ästhetik" Raum und Zeit als die inneren Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis formuliert.

Doch gleichberechtigt werden Raum und Zeit nur selten behandelt. Es ist stets die Zeit, die sich über den Raum erhebt. So zumindest sieht es Gosztonyi

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Gosztonyi 1976. Weiter haben sich in der Philosophie mit dem Raum befasst: Kaulbach 1960; Kanitscheider 1976; Ströker 1977; Schmitz 1998.

in seiner umfassenden Untersuchung zur Geschichte des Raumes in der Philosophie. Er nennt folgende Belege: Kant führt in der „transzendentalen Ästhetik" den „äußeren Sinn", dessen Form der Raum ist, auf den „inneren Sinn" zurück, dessen Form die Zeit ist.

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Vgl.: Gosztonyi 1976, 438: „Primär ist also die Zeit, weil sie die Form des inneren Sinnes ist und damit die Sukzession der Bewußtseinsabläufe wie der Bewußtseinsdaten und schließlich die einheitliche Synthese ermöglicht, der Raum hingegen ist sekundär."

Für Kierkegaard ist der Raum nur eine Verräumlichung der Zeit, und damit inhaltslos und ein „Nichts".

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Vgl: Gosztonyi 1976, 865-868.

Heidegger stellt in „Sein und Zeit" das menschliche Sein auf die Zeitlichkeit und leitet die Räumlichkeit davon ab

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Heidegger 1993, 369: „Nur auf dem Grunde der ekstatisch-horizontalen Zeitlichkeit ist der Einbruch des Daseins in den Raum möglich."; vgl.: Gosztonyi 1976, 885-899. Vgl. auch die Kritik von Watsuji an Heidegger.

. Henry Bergson setzt auf die Zeit und die Dauer und versucht sich damit von der „Tyrannei der Raumvorstellung"

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Bergson 1989, 166; vgl.: Gosztonyi 1976, 869-873.

zu befreien. Nicolai Hartmann bekundet offen: „Raum und Zeit sind ontologisch keine gleichwertigen Kategorien: die Zeit ist um vieles fundamentaler als der Raum. Räumlich sind nur die Dinge und die Lebewesen ...; zeitlich aber sind außerdem auch die seelischen und geistigen Vorgänge."

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Hartmann 1947, 218; vgl.: Gosztonyi 1976, 980-989.

Oswald Spengler begreift in seiner „Philosophie des Werdens" den Raum als erstarrte Zeit und identifiziert damit Raum und Tod.

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Spengler 2000, 224: „Die Zeit gebiert den Raum, der Raum aber tötet die Zeit. ... Dieser Raumist; er steht damit, daß er ist, außerhalb der Zeit, von ihr und damit vom Leben abgelöst. In ihm herrscht die Dauer, ein Stück abgestorbener Zeit ..."; vgl: Gosztonyi 1976, 879-885.

Es ließen sich mit Gosztonyi zahlreiche weitere Stellen anfügen, die den Verdacht erhärten, dass in der modernen westlichen Philosophie die Zeit stets den Vorrang vor dem Raum erhält. So lässt sich durchaus behaupten, dass der Raum in der modernen westlichen Philosophie häufig nichts weiter ist als der negativ zu bewertende Gegensatz zur Zeit, zur Evolution und damit zum Leben.

Das mag daran liegen, dass Zeit immer als die eine erscheint, der Raum hingegen immer in ganz verschiedener Weise auftritt. Die Zeit erscheint als das sich selbst vereinende, der Raum hingegen wird stets in verschiedener Weise wahrgenommen und gelangt damit nicht an die Universalität der einen Zeit heran. Für Universalität beanspruchende Modelle und Theorien bietet sich daher die Kategorie der Zeit als Nährboden eher an als die Kategorie des Raumes.

Doch nicht nur in der Philosophie sondern auch in der in der noch relativ jungen Disziplin der Soziologie bekamen zeitliche Bestimmungen den Vorrang vor räumlichen.

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Ausführliche Analysen finden sich dazu bei: Konau 1977; Läpple 1991; Noller 2000; Löw 2001.

Vielleicht gerade deshalb, weil die gesellschaftlichen Umwälzungen daraus hinausliefen, dass der Raum, verstanden als natürlicher Rahmen, immer weniger als Bedingung sozialen Geschehens fungiert. Ein so verstandener „Behälterraum" im Sinne von geographischer Lage, natürlichen Örtlichkeiten oder Territorien verliert berechtigterweise an Bedeutung für das soziale Geschehen und damit auch für das dahinter liegende soziologische Modell. So ist es vor diesem Hintergrund auch nicht verwunderlich, wenn sich namenhafte Soziologen dafür aussprechen, dass räumliche Aspekte in ihrer Betrachtung bewusst vernachlässigt werden. Berger/Luckmann bekennen offen: „Die Alltagswelt ist räumlich und zeitlich strukturiert. Ihre räumliche Struktur ist für unsere Überlegungen ziemlich nebensächlich. ... Wichtiger für uns ist die Zeitstruktur der Alltagswelt."

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Berger/Luckmann 1977, 29. Vgl.: Konau 1977, 4.

Parsons bekennt: „While the phenomena of action are inherently temporal ... they are not in the same sense spatial."

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Parsons 1968, 45. Vgl.: Konau 1977, 184.

Auch hier ließen sich leicht weitere Quellen nennen, welche die Schlussfolgerung erlauben, „... dass das Nacheinander und nicht das Nebeneinander, Diachronie (Veränderung, die aus zeitlicher Differenz resultiert) und nicht Synchronie (Veränderung, die aus simultaner Differenz resultiert) die Hauptrichtungen im Denken moderner Gesellschaftswissenschaften prägen."

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Noller 2000, 34.

Wieso diachrone Bestimmungen des Sozialen und damit insbesondere operative Sozialsystem-Modelle im beginnenden 21. Jahrhundert so aktuell sind, mag verschiedene Ursachen haben. Nicht ganz unbeteiligt daran sind daher sicher auch aktuelle gesellschaftlichen Entwicklungen der Informationstechnologie: Auch wenn schon das Telefon dafür sorgte, dass räumliche Hindernisse für soziales Geschehen immer weniger eine Rolle spielten, so hat doch wesentlich erst das Internet dazu beigetragen, diese Form von Raumüberwindung bewusst zu machen. Der Raum erscheint als überwundenes Hindernis, die Zeit als die eine universale Zeit, und damit als Gewinner des Globalisierungsprozesses. Gerade die universale Zeit entspricht dem Ideal des wirtschaftlichen Kalküls, es nur noch mit einer einzigen knappen Ressource zu tun zu haben. Anstatt sich mit mehreren Raum-Zeiten zu beschäftigen, kann man sich damit begnügen, die eine universale Zeit zu managen. Es kommt nur noch darauf an, der schnellste zu sein, wo, ist fast schon egal. Der Bedarf nach Orientierung in einem zeitgetriebenen Markt spiegelt sich daher auch zu einem großen Teil in der Rezeption von zeitgetriebenen Bestimmungen des Sozialen: Operative Sozialsystem-Modelle entsprechen damit dem ‚Zeitgeist' eher als raumgebundene Modelle.

Spannt man einen weiten Bogen zwischen Vertretern von räumlichen und zeitlichen Modellen, sowohl in Philosophieals auch in Soziologie, dann können Konflikte zwischen widerspenstigen Theoriemodellen vor diesem Hintergrund vielleicht eine neue Qualität erhalten, wie auch Foucault erkannte: „Vielleicht könnte man sagen, daß manche ideologischen Konflikte in den heutigen Polemiken sich zwischen den anhänglichen Nachfahren der Zeit und den hartnäckigen Bewohnern des Raumes abspielen."

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Foucault 1990, 34.

Wie sehr operative Sozialsystemmodelle sich tatsächlich auf der Grundlage einer zeitlichen Grundkonstruktion befinden, hat insbesondere Nassehi bei Luhmann gezeigt.

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Nassehi 1993; 2000

Als konsequenter Luhmann-Schüler erkennt er, dass Luhmanns Sozialsystem-Konstruktion nur dann Sinn macht, wenn die Zeit als der letzte verbindende Kitt zwischen den einzelnen Operationsketten angenommen wird. Luhmanns eigentliche Leistung besteht demnach darin, von der Substanz auf Zeit als zentrale Größe zu wechseln. Nicht mehr die simultan agierenden Individuen sind als Substanzen Gegenstand der Soziologie, sondern das zeitliche Nacheinander der kommunikativen Operationen. An die Stelle der Identität des invarianten Subjektes rückt er die Differenz von Vorher und Nachher, mit der Luhmann das Phänomen der Selbstreferenz zu erklären versucht:

„Als Ergebnis kann festgehalten werden, daß die Auflösung des Zirkels der Reflexion in der Theorie autopoietischer Systeme von Substanz auf Zeit umstellt. Während traditionelle Lösungen des Problems eine invariante Substanz als Entparadoxierung annehmen, die den Akt der Selbstbeobachtung immer schon enthält, entparadoxieren sich ereignisbasierte, autopoietische Systeme durch Zeit."

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Nassehi 1993, 190.

Das eigentlich Interessante an operativen Systemmodellen ist aus philosophischer Sicht daher gerade diese Umstellung von Substanz auf Zeit. Kritiken, die in operativen Sozialsystem-Modellen nur den Wiedereintritt des autonomen Subjektgedankens sehen, greifen daher zu kurz.

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