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  • Ba und Basho
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„basho"

„basho" schreibt man im Japanischen mit den beiden chinesischen Schriftzeichen (場所). Das erste Schriftzeichen 場 (jap. Lesung: ba, sino-jap. Lesung: jô) besteht aus den beiden Teilen für „Erde" und „aufgehende Sonne", und bedeutete ursprünglich so etwas wie „das Stück Erde, wo die Sonne aufgeht und erstrahlt". Das zweite Schriftzeichen 所 (jap. Lesung: tokoro, sino-jap. Lesung: sho) besteht aus den beiden Teilen für „Tür" und „Axt" und bedeutet von seinem Ursprung her so etwas wie „der Eingang, wo die Axt liegt", womit der Ort von höherrangigen Personen zum Ausdruck gebracht werden soll.

In japanischen Wörterbüchern der Gegenwartssprache wird „basho" hinsichtlich zweier Aspekte unterschieden: (1.) Der Ort, der auf eine Handlung bezogen ist. Beispiel: „Hier ist ein guter Ort, um ein Geschäft zu eröffnen." (2.) Der Ort, an dem sich ein Mensch oder eine Sache befindet. Beispiel: „An diesem Ort bin ich schon mal gewesen." „Halte mir bitte einen Platz im Kino frei!"

Diese Einteilung hat ihren grammatikalischen Grund: Die Präposition (im Japanischen ist es eine Postposition), die mit „basho" gebraucht wird, unterscheidet sich je nach Bedeutung (1) oder (2), d.h. ist abhängig davon, ob man den Ort einer Handlung oder den Ort einer Existenz bezeichnet.

Japanisch-Deutsche Wörterbücher der Gegenwartssprache unterscheiden folgende Konnotationen des Ausdrucks „basho" und ihre jeweiligen Entsprechungen im Japanischen: Ort, Örtlichkeit, Lokalität (tokoro, tochi, chimen, genba), Position, Stellung (itchi), Sitz, Platz (zaseki, shozaichi), Raum (shûkan).

„ba"

Der japanische Ausdruck „ba" wird mit dem ersten Schriftzeichen von „basho" geschrieben (場). Das japanische Standard-Wörterbuch unterscheidet sieben verschiedene Konnotationen.

  1. Der Ort, an dem etwas stattfindet. Im Sinne von „basho" (1).
  2. Der Ort im Sinne von Zeitpunkt und Gelegenheit: „Ein Scherz am falschen Ort"
  3. Arena, Kampfplatz
  4. Szene im Theater
  5. Börsenmarkt
  6. Physikalisches Feld
  7. Feld in der Sozialpsychologie

Japanisch-Deutsche Wörterbücher nehmen ähnliche Differenzierungen vor, nämlich:

  1. Ort (basho)
  2. Raum, Sitz (yochi, zaseki)
  3. Situation, Fall (baai, jiki, jôkyô)
  4. die Szene im Theater (shibafu no ba, geki no chimen)
  5. Tätigkeitsfeld, Wirkungskreis, Spielraum (katsudôhani), Kampfplatz, Arena (sensô no ba)
  6. Markt an der Börse (torihikishijô)
  7. Physikalisches Feld

Wie die Vieldeutigkeit von „ba" und „basho" vermuten lässt, finden sich beide Ausdrücke in den unterschiedlichsten Kontexten und mit den unterschiedlichsten Konnotationen, so dass die aufgelisteten Übersetzungen hier nur einen Anhaltspunkt geben können. Trotz der Bedeutungsvielfalt ist zu betonen, dass den Ausdrücken keinesfalls eine magische oder exotische Kraft zugeschrieben wird. Beide Ausdrücke werden unbefangen benutzt und sind auch in vielen Redewendungen der modernen Gegenwartssprache zu finden, wie z.B. „den Ort beschummeln" (ba o gomakasu), was so viel bedeutet wie: „den Schein wahren" oder „eine Ausrede finden".

Die Übersetzung mit „Ort" und „Feld"

Das deutsche Wort „Ort" hat im Wesentlichen zwei Bedeutungen. Einmal bezeichnet es ein „Dorf" und ein anderesmal eine „Stelle", eine „Position". Im ersteren Fall sagt man: „Er wohnt in einem kleinen Ort." Im zweiten Fall heißt es z.B.: „Der Unfall passierte an einem unzugänglichen Ort." Im Folgenden ist nur die Bedeutung des zweiten Falles relevant.

Wie relativ der Unterschied zwischen den Präpositionen „in" und „an" ist, wird deutlich, wenn man das japanische Wort „ba" wie in der Sozialpsychologie oder Physik mit „Feld" übersetzt. Im Gegensatz zum „Ort" ist man hier im Deutschen gezwungen, die Präposition „in" zu wählen, wie bei dem Beispiel: „Das Teilchen befindet sich in einem elektromagnetischem Feld." Den japanischen Ausdruck „ba ni oite iru" (sich in bzw. an einem „ba" befinden) kann man daher sowohl mit „an einem Ort" als auch mit „in einem Feld" übersetzen. Um den japanischen Ausdruck „ba" daher besser zu verstehen, muss man versuchen, den Unterschied, den man im Deutschen aus den beiden Präpositionen „in" und „an" heraushört, wegzudenken. M.a.W.: Im Japanischen ist es egal, ob sich etwas an einem Ort oder in einem Feld befindet.

Da man das deutsche Wort „Ort" in dem hier verwendeten Sinne nur mit der Präposition „an" gebraucht, suggeriert dies, dass dem Ort etwas an-haftet, d.h. dieses Etwas, das sich an dem Ort befindet oder das an dem Ort stattfindet, kann zunächst einmal als gegenüber dem Ort Selbstständiges gedacht werden. Der Eindruck, dass es sich um zwei Entitäten handelt, die unabhängig voneinander gedacht werden können, drängt sich durch die Präposition „an" förmlich auf, die in Wörtern wie „Ankopplung", „Anschluss", „Anbindung" zu finden ist.

Das deutsche Wort „Feld" zusammen mit der Präposition „in" kann diesen Gedanken der „Anbindung" wesentlich vermeiden, indem eine Entität sprachlich als etwas bestimmt wird, das sich „in" diesem Feld befindet. Diese Entität, will man sie denn überhaupt so nennen, ist also Bestandteil des Feldes. Die Rede von einem Feld, in dem sich etwas befindet, meint daher eine wie immer geartete Inklusion. Im Gegenzug legt die Rede von einem Ort, an dem sich etwas befindet, den Gedanken der Ankopplung nahe.

Wenn im Folgenden von „Ort", „Feld" oder anderen Übersetzungen für „basho" und „ba" die Rede sein wird, ist der geneigte Leser gehalten, den Gedanken der Ankopplung zu vermeiden, selbst dann, wenn man aus deutsch-sprachlichen Gründen nicht umhin kommt, davon zu sprechen, dass sich etwas an einem Ort befindet. Die Rede von „Ort", „Feld" meint in Anlehnung an die japanischen Begriffe „basho" und „ba" daher immer und vor allem eine Inklusion. Doch leider kann man im Deutschen im abstrakten Sinne nicht davon sprechen, dass sich etwas in einem Ort befindet. Es wäre für das Verständnis topischer Ansätze jedoch besser, diese Redeweise einzuführen, wie dies ansatzweise auch geschieht.

„In dem und durch den Ort wird also der Gegenstand als Sein bestimmt." [Brüll 1989, 162]

„... der logische Ort, in dem und durch den ..." [Mafli 1996, 148]

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