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Günzel, Stephan (Hg.)(2007): Topologie. Zur Raumbeschreibung in den Kultur- und Medienwissenschaften. Transcript Verlag.

Klappentext:

Das Thema "Raum" ist äußerst populär, die Vielfalt der Methoden und Gegenstandsbereiche wird jedoch zunehmend unüberschaubar. Hier setzt der Band an: Er versammelt Beiträge verschiedener Disziplinen, die eine ausdrücklich relationale oder ortsspezifische Beschreibung von Räumlichkeit vornehmen.
Hierzu wird die aktuelle Raumdebatte in den Kultur- und Medienwissenschaften rekonstruiert und die Entstehung der Topologie im Kontext der Mathematik nachgezeichnet. Einzelanalysen widmen sich verschiedenen Anwendungsgebieten wie Architektur, Film- und Literaturwissenschaft, Kunst, Psychologie oder Soziologie und gehen auf die Schlüsselfunktion phänomenologischer und strukturalistischer Ansätze ein.

Kurzrezension von Thomas Latka:

Stephan Günzel stellt mit diesem Werk einen Sammelband zur "Topologie" vor, der den aktuellen "topological turn" in den Kultur- und Medienwissenschaften thematisiert. Vertreten sind unter anderem Beiträge aus der Philosophie, Psychologie, Soziologie, Kultur-, Literatur- und Filmwissenschaft. Jeder Beitrag nähert sich auf seine Weise dem Thema Topologie. Gemeinsam ist allen das Anliegen, nach der Phase des luftigen Konstruktivismus über den „spatial turn" bzw. „topographical turn" hinauszugehen und nicht auf halber Strecke wieder bei Materialismus oder Substanzdenken stehen zu bleiben. Die Topologie erhebt also den Anspruch einen neuen Realismus einzuleiten, der so bisher noch keine Chance erhalten hat. Wer bereit ist, ihm diese Chance jetzt zu geben, der findet hier wertvolle Anregungen für einen topologischen Blick auf unsere Welt.

Inhalt

  • Einleitung
    • Raum - Topographie - Topologie (Stephan Günzel)
  • Vom Raum zur Topologie
    • Räume und Geschichte (Karl Schlögel)
    • ›Mind the gap‹: Bemerkungen zur gegenwärtigen Raumkonjunktur aus kulturgeographischer Sicht (Julia Lossau)
    • Topographie der Lebenswelt (Bernhard Waldenfels)
    • Risse und Felder: zur Raumwahrnehmung im Kino (Ute Holl)
    • Der Ort des Raums: zur Heterotopie der Einbildungskraft im ›digitalen‹ Zeitalter (Georg Christioph Tholen)
    • Raum - Kunst - Pathos: Topologie bei Heidegger (Kathrin Busch)
  • Anfänge der Topologie
    • Über Links und Rechts und Symmetrie im Barock (Karin Leonhard)
    • Als der Raum sich krümmte: die Entstehung topologischer Vorstellung in der Geometrie (Peter Bornschlegel)
    • Zwischen Gedankenbrücken und Erfindungsufern: Leonhard Eulers Poetologie des Raums (Wladimir Velminski)
    • Die Anfänge der Topologie in Mathematik und Naturphilosophie (Marie-Luise Heuser)
  • Anwendungsgebiete von Topologie
    • Die Form des Formlosen: @rchi-Topologie in 10 Punkten (Joachim Huber)
    • Zwischen-Räume: Kybernetik und Strukturalismus (Peter Bexte)
    • Psychoanalyse und Topologie - in vier Anläufen (Mai Wegener)
    • Topologie in der Psychologie: die Feldtheorie von Kurt Lewin (Helmut E. Lück)
    • Sozialer Raum und Praktiken: Elemente sozialwissenschaftlicher Topologie bei Pierre Bourdieu und Michel de Certeau (Roland Lippuner)
    • Topologie als literaturwissenschaftliche Methode: die Schrift des Raums und der Raum der Schrift (Vittoria Borso)
    • Zur Topologie des Kinos - und darüber hinaus (Marc Ries)
    • ›In situ‹: von der Philosophie des Raums zur ortsspezifischen Theorie (Knut Ebeling)

Zitate

"Räume und Geschichte" (Karl Schlögel: 33-52)

Wenn klar geworden ist, dass Geschichte einen Ort hat, dann sollte auch ein Gedanke auf die andere Seite verwendet werden: dass auch Örter und Räume eine Geschichte haben. (Schlögel, 43)

Es dürfte klar geworden sein, dass es nach einer Phase eines luftig-allzu-luftigen Konstruktivismus nicht darum gehen kann, sich wieder einer schwerfälligen (geographischen) Determinismus einzuhandeln, den man sich in langer und kraftraubender Auseinandersetzung vom Halse geschafft hat. Wohl aber geht es darum, zu einem Realismus zurückzufinden ... (Schlögel, 51)

"Raum - Topographie - Topologie" (Stephan Günzel: 13-29)

Allen Beiträgen des Bandes ist gemeinsam, dass sie dafür eintreten, die Diskussion, welche in der jüngeren Vergangenheit um Räumlichkeit in den Kultur- und Medienwissenschaften geführt wurde, spezifisch zu fassen und dabei die Möglichkeit der topologischen Beschreibung zu diskutieren. 
  Die Beiträge des ersten Teils (»Vom Raum zur Topologie«) legen dabei jeweils eine Kritik an bestehenden Raumkonzepten und Methoden der Raumbeschreibung vor oder treten bereits explizit für einen topologischen Zugang ein: In einem ersten Schritt betont der Historiker Karl Schlögel die Relevanz der historischen Ortsanalyse und führt diese anhand der Stadtbeschreibung von St. Petersburg vor. Vergleichend dazu tritt die Kulturgeographin Julia Lossau für eine Raumbeschreibung ein, welche die Produktion von Räumlichkeit erfasst und zugleich kritisch gegenüber essentialistischen Beschreibungen ist. In einem zweiten Schritt geht der Philosoph Bernhard Waldenfels auf die Voraussetzungen für eine Analyse der Lebenswelt in räumlicher Hinsicht ein und stellt im Zuge dessen die phänomenologische Beschreibung von Heterotopien vor. Die Medienwissenschaftlerin Ute Holl wiederum kontextualisiert die phänomenologische Raumbeschreibung anhand einer Betrachtung der technischen Bedingung des wahrnehmungstheoretischen Zugangs unter besonderer Berücksichtigung des Kinos. Im dritten Schritt legt Georg Christoph Tholen die Notwendigkeit einer Transformation der Konzeption räumlicher Anschauung nach Kant unter medialen Bedingungen dar. Eine entsprechende Umsetzung stellt schließlich Kathrin Busch im Ausgang von Heidegger und mit Blick auf die Beschreibung von Kunstwerken als Erzeugung von Räumlichkeit vor.
  Der zweite Teil (»Anfänge der Topologie«) stellt die Entstehung der mathematischen Topologie vor: Zunächst geht die Kunsthistorikerin Karin Leonhard auf die neuzeitliche, insbesondere barocke Beschäftigung mit Fragen der Drehrichtung und Symmetrie ein, wofür Darstellungen von Schneckengehäusen einschlägig sind. Peter Bornschlegell thematisiert sodann die Voraussetzungen von Topologie mit Blick auf Gauß und die nichteuklidische Geometrie. Wladimir Velminski wiederum stellt Eulers Lösung des ›Königsberger Brückenproblems‹ im Detail vor und geht dabei auf die Gemeinsamkeiten mathematischen und poetischen Denkens ein. Abschließend vergleicht die Wissenschaftshistorikerin Marie-Luise Heuser die ›Analysis der Lage‹ nach Leibniz mit dem Topologiebegriff von Listing und zeigt, welchen Einfluss dynamistische Naturphilosophien auf die moderne Konzeption von Topologie hatten.
 Im dritten Teil des Bandes (»Anwendungsgebiete von Topologie«) werden einzelne Bereiche vorgestellt, in welchen sich ein topologischer Beschreibungsansatz außerhalb der Mathematik etabliert hat. Der erste Beitrag enthält ein Zehnpunkteprogramm, mit dem Joachim Huber die in Architektur und Stadtplanung bereits vollzogene Wende zur Topologie rekapituliert und dazu aufruft, diese auf weitere Bereiche der Gestaltung anzuwenden. Der Kultur- und Medienwissenschaftler Peter Bexte stellt ausgehend von Serres und Fragestellungen der Kybernetik das strukturalistische Topologiekonzept vor, welches auf einer Logik der Zwischenräumlichkeit beruht. Daran anschließend zeigt die Psychoanalytikerin Mai Wegener, wie topologische Modelle bei Lacan nicht nur die Funktion einer Oberflächenbeschreibung unbewusster Strukturen innehaben, sondern auch eine Rolle in der therapeutischen Praxis spielen. Auf das Werk von Lewin stützt sich die darauf folgende Darstellung des topologischen Ansatzes in der Psychologie durch Helmut Lück, der darüber die Zugehörigkeit der Feldtheorie zum Funktionsdenken und ihre heutigen Anwendungsmöglichkeiten vorstellt. Die topologische Konzeption in den Sozialwissenschaften stellt Roland Lippuner entlang der Soziologie Bourdieus sowie dem Handlungskonzept bei de Certeau dar und thematisiert beide im Hinblick auf eine Beschreibung alltäglicher Raumpraktiken. Die Romanistin Vittoria Borsò entwickelt in ihrem Beitrag ausgehend von einer Analyse der Erzählungen Borges' den topologischen Ansatz der Literaturwissenschaften und entfaltet in sieben Thesen ein zugehöriges Aufgabenspektrum. Der Kunst- und Medientheoretiker Marc Ries stellt sodann den topologischen Ansatz der Medienästhetik anhand einer Analyse des Kinos und in Abgrenzung von topographischen Beschreibungen vor. Mit Blick auf Blanchot und Benjamin tritt zuletzt Knut Ebeling für eine ästhetische Theorie ein, die ortsspezifisch argumentiert und sich konkreten Konfigurationen widmet. (Günzel, 27-29)